NWZ, 31.08.2019

Damit ihre Namen nicht vergessen werden

 

Berichtet über Kinder im KZ: Alwin Meyer Bild: Niklas Grönitz

Von Niklas Grönitz

Cloppenburg 1972 besuchte Alwin Meyer als junger Erwachsener zum ersten Mal das Konzentrationslager Auschwitz. „Ich wusste damals nichts über die Geschichte“, gibt der Autor heute zu. Der damals 21-Jährige lernte kurz danach Tadeusz Szymanski und dessen Geschichte kennen – der Pole hatte das Konzentrationslager Auschwitz überlebt. „Er berichtete mir von Babys und Kindern im Lager. Das hatte ich vorher so nicht gehört. Seine Worte berühren mich bis heute.“

Immer mehr Kontakte

Von da an wuchs beim damals in Berlin lebenden Meyer der Wunsch, möglichst viele der Auschwitz-Kinder, die zumeist nur fünf, sechs Jahre älter als er waren, zu treffen. „Dass mich der Gedanke bis zum Lebensende betrifft, hätte ich damals nicht gedacht“, sagt Alwin Meyer heute. Mit der Zeit wurden es immer mehr Kontakte, die der Journalist zu den „Kindern“, die heute – in Auschwitz geboren – etwa Mitte 70 sind, knüpfte. Es sind 80 Personen weltweit.

Alle Einzelschicksale hat Alwin Meyer zu einem illustrierten Vortrag über diese Zeitgeschichte zusammengesammelt. Seit 2015 hat der Cloppenburger diesen Vortrag über 160-mal gehalten. Am Freitagvormittag bekamen ihn die Neunt- und Zehntklässler der Johann-Comenius-Oberschule zu hören.

Mitorganisiert hatte den Alternativunterricht Geschichtslehrerin Marion Luckau (48): „Mir ist es ein Anliegen, dass den Jugendlichen Geschichte erlebbar gemacht wird. Das finde ich besser, als alles im Buch nachzulesen.“ So gab es hinterher auch die Möglichkeit, mit Alwin Meyer persönlich ins Gespräch zu kommen. Die Schüler zeigten sich von Meyers Geschichten beeindruckt, während der Vortragende auf diverse Fragen einging.

In Auschwitz geboren

Eine berührende Anekdote konnte Meyer zu Angela Orosz und Mosche Faludi erzählen. Orosz ist Ungarin, kam aber am 21. Dezember 1944 in Auschwitz zur Welt. Faludi wurde nur einen Monat später am 27. Januar 1945 dort geboren. Seine Mutter war von den Qualen im Konzentrationslager total entkräftet und wäre nicht in der Lage gewesen, ihr Neugeborenes zu stillen. Faludi hatte im Unglück das wohl größte Glück seines Lebens, denn Angela Oroszs Mutter stillte auch ihn. Die beiden Säuglinge wogen nach der Geburt nur etwa ein Kilogramm und hätten unter den Bedingungen, die in Auschwitz herrschten, eigentlich keine Überlebenschance gehabt, erläuterte Meyer.

Auschwitz wurde in drei Lager unterteilt. Dort wurden 1,3 Millionen Menschen auf 140 Hektar – das sind ungefähr 280 Fußballfelder – getötet. Untergebracht waren laut Meyer dort auch 232 000 Kinder und Babys, von denen mit 650 gerade mal ein Bruchteil überlebte. Meyer berichtete auch, dass viele KZ-Überlebende keine Bilder aus ihrer Kindheit oder der Zeit vor der Inhaftierung haben. Viele „Kinder“ fanden zudem nach der Befreiung nicht mehr zurück zu ihren Familien.

Zwischen 1990 und 2000 hatte der Journalist in über 35 Städten die Ausstellung „Vergiss deinen Namen nicht – Die Kinder von Auschwitz“ gezeigt, die Schicksale sind außerdem im gleichnamigen Buch festgehalten. „Ich habe mehr damalige Auschwitz-Kinder kennengelernt, als ich dachte.“ Eines ist sicher: „Ich werde nicht aufhören damit.“